Joachim Gaucks “Toleranz” ist eine wichtige Erinnerung an das, was Menschen verbindet


Ich habe das Buch des vorherigen Bundespräsidenten (geschrieben mit der Journalistin Helga Hirsch) vor knapp einem Jahr in Düsseldorf gekauft, und es lange liegen gelassen.

Erstens, weil ich Abends und während meiner Wochenenden nicht immer Lust hatte, ein Buch aufzuschlagen, dass so ein “schweres” Thema angeht. Zweitens, weil mir damals die ersten Seiten den Eindruck gegeben haben, dass das Buch viel hitorischer und philophischer war, als ich es erwartet hätte (was in den späteren Kapiteln nicht mehr der Fall ist).

In den diesjährigen Sommerferien habe ich mich endlich dazu entschlossen, es zu Ende zu lesen… und ich habe es sehr genossen. Hier teile ich einige meiner Lieblingspassagen.

Hier ein kurzes “Vorwort”: Falls Sie meinen ganzen Blogeintrag nicht lesen wollen, schauen Sie sich gerne dieses kurze Video an, in dem Gauck für seinen Verlag (Herder) einige seiner Ideen zusammenfasst…

Für alle Anderen, danke dass Sie noch da sind 🙂

Wie schon erwähnt, geben die ersten Kapitel eine historische Perspektive, um die Ursprünge und Bedeutungen des Konzepts der Toleranz in den letzten Jahrhunderten zu beschreiben. So zitiert Gauck zum Beispiel den Theologen und Schriftsteller Sebastian Frank (16. Jahrhundert), der Toleranz gegenüber anderen ausspricht, auch wenn dieser Respekt und diese Gleichberechtigung in Gottes Nahmen gilt:

Ein geborner Deutscher ist von Natur aus gleich wie ein Türk, Heid etc. und nicht eined Lots besser oder böser. […] Es sind alles zumal Menschenskinder” und haben einen unparteiischen gleichen Werkmeister Gott, der keine Person ansiehet. […] Wer nur recht und wohl lebt, den lass dir ein rechter Bruder, Fleisch und Blut sein in Christo” (Seinte 36).

Gauck, ehemaliger Pastor, stellt natürlich die Toleranz nicht mit Religion gleich. Schon ab der nächsten Seite schreibt er von der nötigen Trennung von Staat und Religion… und im ganzen Buch geht es auch um Toleranz nicht Dank der Religion, sondern um Intoleranz wegen der Religion, und der Abweisung der Glauben der Anderen, überall auf der Welt.

Ein konzeptuell wichtiger Teil des Buches sind seine 12 Aspekte, mit denen Gauck “seine” Toleranz definiert (Seiten 51 bis 62). Darin fand ich besonders interessant, dass Gauck Intoleranz in einigen Fällen für bitter nötig hällt. Zum Beispiel:

Die Notwendigkeit zur Intoleranz ergibt sich auch gegenüber denen, die die Würde des Menschen verletzen. Deswegen kann es für Diskriminierung jeder Art keinerlai Toleranz geben […]. Nicht zu tolerieren ist es, wenn Bürger ihre Kritik an der Migrationspolitik der Regierung mit Hass, Agressivität und Rassismus gegenüber Migrantent […] verbinden.” (Seite 58)

Das erinnert mich an dieses Video, dass ich vor Fünf Jahren auf YouTube gestellt und übersetzt habe, so wichtig schien mir Anja Reschkes Ansprache. Einige Kommentare haben mich damals krank gemacht…

Toleranz soll dazu weder zu Ignoranz (im Sinne von Dummheit oder Nichtwissen) noch  zu Vermeidung führen, heikle Themen anzugehen. Zum Beispiel in der Annahme, dass diese den Anderen kränken würden, oder dass eine bestimmte Partei aus ideologischen Gründen keine Legitimität dazu haben würde. Eine solche Haltung kann, so Gauck, zu Katastrophen führen.

Eine Illustration dessen, wurde in diesem Artikel wiedergegeben👇🏽, den ich vor kurzem las. Amerikanische Linke hatten einen Professor vorgeworfen, das Rassismusproblem in den USA zu minimieren, nur weil dieser andere Themen (z.B. den Klassenkampf) bevorzugte, um Probleme im Land zu analysieren.

Debatten zu verengen, oder ganz zu verbieten, sind natürlich alles Andere als Toleranz. Darüber schreibt Gauck u.A. wenn er später im Buch politische Korrektheit angeht: “Worin ich mich allerdings wehre ist, wenn politisch Korrekte ein Monopol ihrer Ansichten im öffentlichen Raum durchzusetzen versuchen” (Seite 149).

Themen sollten offen angegangen werden dürfen, ohne dass gleich eine Aufruhr entsteht, sobald jemand eine kontroverse These vertritt – oder einfach nur als Hypothese in den Raum stellt. Eine solche Denkensweise lässt eine Gesellschafft auseinanderfallen, weil keiner mehr miteindander redet.

A propos… Besonders interessant fand ich auch Gaucks analyse zur Wahl von Donald Trump. So schreibt er:

Was seinen Sieg ermöglicht hat, waren die Enttäuschung, die Wut und teilweise sogar der Hass derer, die sich von der herschenden liberal-demokratischer Klasse nicht oder nicht ausreichend anerkannt fühlen. Die Globalisten hatten gar nicht gespürt, wie ihr Streben nach Selbstentfaltung [und] nach Aufsprengung traditionneler Geschlechtsrollen bei vielen […] auf Befremden, Unvertändniss und Widerstand stieß. [Sie] wollen nicht immer mehr Diversität, nicht immer weitere Differenzierung von sexuellen Orientierungen […]; sie wollen an herkömmlichen Traditionen, an Familie und konservativen Werten weitgehend festhalten, sie wollen auch der Arbeit nicht in Fremde Stadte und Staaten folgen, sondern in der Heimat bleiben. Und sie wollen sich nicht permanent dafür rechtfertigen müssen, dass sie zur weißen privilegierten Mehrheit gehören, wo sie sich doch teilweise auf der Seite der Verlierer fühlen” (Seite 79).

Diese Passage trifft auf die USA zu, wo die Polarisierung nicht nur politisch, sondern auch sozial, extrem ist. Aber sie ist auch hochrelevant für unsere, (noch) liberal-demokratischen und toleranten, europäischen Gesellschaften.

In meinem Bekanntenkreis stoße ich regelmässig auf diese konfrontation zwischen den Anywheres (liberale Weltbürger… wie ich, eigentlich) und den Somewheres (sesshafte, konservative Leute), und in beiden Richtungen ist die Toleranz immer niedriger, der Argwohn immer grösser.

Wir müssen offen mit einander reden, uns respektieren, den anderen verstehen und seinen Wert anerkennen. Wenn dies wegfällt, riskieren wir unsere Unterschiede wichtiger und grösser zu machen, als dass, was uns vereint: Menschlichkeit, Angehörigkeit einer Nation, friedliches zusammenleben usw.

Sehr passend als Fazit für diesen Eintrag finde ich dieses Zitat, dass Gauck gegen Ende des Buches schreibt:

Wir werden zwar nie eine Gesellschaft haben, in der alle Teile in einem gemeinsamen Wollen verbunden sind. Wir müssen zwar auch die destruktiven und nicht integrationswilligen Menschen ertragen, was nicht heißen kann, darauf zu verzichten, sie in ihre Schranken zu verweisen. Wir brauchen aber die kritische Masse derer, die die Gesellschaft der Zukunft mitgestalten wollen – unter den Einheimischen wie unter den Eingewanderten” (Seite 199).

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